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THEMA | Eine "Kreative Ökonomie" braucht Lernende Organisationen - Von Christian Stary
Partizipation ist Schlüsselmoment für lernende Organisationen (OTS Bild, Fraunhofer IGD)
 OTS Bild, Fraunhofer IGD

Linz/Wien (APA-ZukunftWissen) - In jüngster Zeit dreht sich alles darum, was wir aus der Finanz- und der damit einhergehenden Wirtschaftskrise lernen. Kommt es zur "Kreativen Ökonomie",  wie es Matthias Horx im aktuellen Trendreport darlegt, dann braucht es eine Neuordnung des Wirkens bzw. Zusammenwirkens von Organisationen und Akteuren aller Gesellschaftssysteme. Seiner Ansicht nach wird sich ein neuer Kooperationsmodus zwischen Markt, Individuum, Staat und Zivilgesellschaft herausbilden. Zentrales Merkmal dieser neuen Form des Zusammenwirkens werden Rückkoppelungsbeziehungen darstellen, welche die Ordnung und Qualität von Interaktionen bestimmen.

"Upgrading" individueller und gesellschaftlich relevanter Leistungen

Als Voraussetzungen für den vor uns liegenden Wandel im Beziehungsgefüge finden wir neben dem von Horx selbst angesprochenen "Upgrading" von Servicejobs, also eine Aufwertung gesellschaftlich bislang unterbewerteter Arbeiten (Kranken- bzw. Altenpfleger, PädagogInnen) eine neue Bildungsdynamik. Diese wird den Treiber für signifikante Veränderungen von Beziehungsgefügen zwischen Akteuren und Organisationen darstellen, und die entsprechend der Systemdynamik auch in Organisationen spürbar wird. Wie dann mit Wettbewerbsdruck, Innovationsfähigkeit und  Produktlebenszyklen umgegangen wird, lässt sich im Kontext kontinuierlicher Veränderung und Lernprozesse bereits skizzieren und an einzelnen Entwicklungen, die in Feldstudien erprobt werden, zeigen.

Wir lösen Lernprozesse aus

Der Auslöser für Lernprozesse in Organisationen kann unterschiedlicher Natur sein. Oft ist es die Unzufriedenheit von MitarbeiterInnen mit Fragestellungen oder Konflikten, die bislang nicht zufriedenstellend oder ausreichend gelöst werden konnten. Im Vergleich dazu können Lernprozesse auch von externen Faktoren wie beispielsweise Konkurrenzdruck oder steigende Rohstoffpreise angestoßen werden. Jemand, und sei es der Aufsichtsratsvorsitzende, erkennt allerdings auch hier Handlungsbedarf und setzt dementsprechend Lernprozesse in Gang. Somit werden Innovation, Reflexion und Hinterfragung bestehender Lösungsansätze jedenfalls durch intrinsisch motivierte Personen initiiert, und so organisationaler Wandel durch Lernen eingeleitet.

"Weiß es einer, weiß es keiner" (Ludwig Wittgenstein)

Vergleichende Arbeiten zu Organisationalem Lernen (vgl. Heftberger/Stary) zeigen, dass vorhandene organisationale Lerntheorien zwar davon ausgehen, dass Organisationales Lernen mehr als die Summe individueller Lernprozesse ist, Individuen aber trotzdem eine zentrale Rolle als organisationale Lernträger einnehmen. Organisationen lernen somit durch ihre Mitglieder. Vice versa, lernen und handeln die Mitglieder im Kontext ihrer eigenen Organisationen. Kaum transparent ist bislang das Zusammenspiel individueller und überindividueller Lernprozesse, d.h. wie aktiv muss Wissen in eine Organisation expliziert bzw. "hineingetragen" werden, um überindividuell wirksam zu werden - Yellow Pages sind ja bekanntlich noch kein Garant für Wissensgenerierung bzw. -weitergabe.

In welcher Form kann gelernt werden?- Partizipation als Schlüsselmoment

Aus John Naisbitts Ausführungen zu den tragenden Säulen von Gemeinschaften und Gesellschaften können wir schließen, dass zwar ein Mehr an Pluralität durch die "Aktivierung von unten" grundsätzlich Lernräume öffnet, allerdings auch ein Mehr an Führung und Begleitung erfordert. Beides wird durch die Neuen Technologien in den Labors der Universitäten möglich, wie an den Beispielen der Wissensexplizierung und -explorierung gezeigt werden kann.

Strukturlegetechniken (z.B. Dann 1992) sind ein offenes Instrument zur Explizierung und Generierung von Wissen. Sie erlauben individuelle Zugänge zu Themenstellungen aller Art (Personalfluktuation, algorithmisch nicht lösbare Probleme, Informationsstrukturen, Arbeitsabläufe etc.) zu erfassen und in einer für andere Personen nachvollziehbaren Form zu dokumentieren. Mindmapping oder Concept Mapping können technisch durch sogenannte Montessori-orientierte Manipulatives unterstützt werden, wodurch auch abstrakte Information leichter be-greif-bar wird.

Lernen baut unter anderem auf expliziertem bzw. generiertem Wissen auf und stellt eine Kopplung von kognitiven, sozialen und emotionalen Prozessen dar. Lernplattformen der zweiten Generation, die auf semantischen Technologien basieren, erlauben nicht nur die Anbindung von tangiblen Applikationen, wie den oben erwähnten Strukturlegetisch, an Lernmanagementsysteme, sondern auch eine anwendungs- und nutzerInnen-spezifische Durchdringung von Inhalt und Kommunikation. Sie erlauben Individualisierung und Zusammenarbeit gleichermaßen, unabhängig vom Bezugsgegenstand. So können sowohl Prozesse als auch klassischer Inhalt (Faktenwissen) mit individuellen Sichten versehen werden, die in die Zusammenarbeit als eigene Perspektive auf Inhalt eingebracht und ausgetauscht werden können. Wichtig für Organisationen ist dabei, dass durch die integrative Datenhaltung die Nachvollziehbarkeit von Lernprozessen, und damit wesentlicher Kontext organisationalen Wandels, nicht verloren geht.

Grundlage dafür stellen Topic Maps ( http://de.wikipedia.org/wiki/Topic_map ), eines der Schlüsselkonzepte für Semantische Technologien dar. Sollte jemals das Enterprise 2.x in die Gänge kommen, bedarf es einer derartigen Repräsentationsform, die der Vielgestaltigkeit von Information Rechnung tragen kann. Sie erlauben bestimmte Information, etwa die Beschreibung eines Produkt-Features im Kontext der Bewerbung dieses Produkts, und einmal als Teil der technischen Beschreibung des Produkts abzubilden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Informationselemente werden nur einmal erfasst, sämtliche kontext-spezifische Information für eine Organisation wird dazu auf Knopfdruck verfügbar. Einen weiteren Vorteil stellt die Verknüpfbarkeit von Prozesswissen und Informationsstrukturen dar. Arbeitsaktivitäten können integrativ, etwa aus Sicht des Organigramms und des Arbeitsablaufs betrachtet werden. Die am organisationalen Wandel Beteiligten können somit ohne belastenden kognitiven Aufwand durch Technologien zwischen Struktur- und Verhaltenssicht wechseln.

Leben ist lernen (Konrad Lorenz)

Die genannten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten erfolgen in enger Kooperation zwischen dem Institut für Wirtschaftsinformatik - Communications Engineering der Universität Linz und offenen Wirtschaftspartnern aus der ganzen Welt. Sie begleiten die Forschungen durch Einbringung ihrer Geschäftsfälle bzw. organisationaler Anliegen. Sie wollen Wissen über Projekte oder Produktverantwortliche hinweg im Unternehmen verankert wissen bzw. organisationale Änderungen im Sinne kontinuierlichen organisations- und lebensweiten Lernens für Beteiligte und Verantwortliche zur Disposition stellen. Eine der Schlüsseltechnologien in diesem Kontext stellt die Simulation von Geschäftsprozessen dar. Sie werden aus explizierten Abläufen und Strukturen hergeleitet und durch neuartige Konzepte, wie etwa der subjektorientierten Geschäftsprozessmodellierung realisiert. Letztere zeichnet sich durch ihre Nachvollziehbarkeit aus, da sie sich an dem Konzept klassischer e-mail orientiert. Derart exekutierbare Geschäftsprozesse lassen vor deren tatsächlicher "life"-Schaltung in Organisationen organisatorischen Wandel unmittelbar begreifen und partizipativ gestalten.

Neue Kriterien Gesellschaftlichen Wohlstands

Wissensgenerierung und -explorierung unter Beachtung individueller und kollektiver mentaler Modelle in obigem Sinn erlaubt Arbeit wieder aufzuwerten, wie nicht nur die Nobelpreisträgerin V. Shiva in ihrem jüngsten Buch fordert. Ob wir, trotz der technischen Unterstützbarkeit gesellschaftlich relevanter Lernprozesse das Bruttosozialprodukt bereits durch ein "Neues Kriterium des Gesellschaftlichen Wohlstands" (vgl. Matthias Horx) abzulösen vermögen, kann noch nicht abgeschätzt werden. Der Grundstein zur Umorientierung des Wohlstandsbegriffs in Richtung aktiver Teilnahme an Wissensprozessen als Individuum und als Organisation ist jedenfalls schon gelegt.

Weiterführende Information

Heftberger, S.; Stary, Ch,: Partizipatives organisationales Lernen. DUV, Wiesbaden, 2004.

Auinger, A., Stary, Ch.: Didaktikgeleiteter Wissenstransfer, DUV, Wiesbaden, 2005.

Dann, H. (1992). Variation von Lege-Strukturen zur Wissensrepräsentation. In B. Scheele (Ed.), Struktur-Lege-Verfahren als Dialog-Konsens-Methodik. Ein Zwischenfazit zur Forschungsentwicklung bei der rekonstruktiven Erhebung subjektiver Theorien (pp. 2-41). Münster: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung.

http://www.ce.jku.at

http://Scholion.ce.jku.at

http://www.oppl.info/research/comprehand/

http://www.sol-austria.at

http://www.jcom1.com

Trend-Report 2010. Soziokulturelle Schlüsseltrends für die Märkte von morgen. Hrsg. v. Matthias Horx. Kelkheim: Zukunftsinstitut, 2009.

Der Autor

Christian Stary leitet zur Zeit das Institut für Wirtschaftsinformatik-Communications Engineering sowie das Kompetenzzentrum Wissensmanagement an der JKU in Linz. Seine Forschungsinteressen betreffen Methoden und Werkzeuge zur Gestaltung und Bewertung interaktiver verteilter Systeme unter Berücksichtigung wissensintensiver Prozesse.

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Wilhelm Holzbauer
 
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